Erschöpfung bei unregelmäßigen Arbeitszeiten | Kopf voll, Körper streikt

Dieser Text richtet sich an Menschen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, die funktionieren müssen – auch dann, wenn Körper und Kopf längst Erschöpfungs-Signale senden.

Es gibt Tage, da fühlt sich alles zu viel an. Der Kopf ist voll, der Körper müde, der Kreislauf wackelt.

Man geht einkaufen, eigentlich etwas Alltägliches und merkt plötzlich: Ich kann gerade nicht mehr.

Und dann kommt dieser Gedanke:

„Warum bin ich so platt? Ich hatte doch gar nicht so viel gearbeitet.“

Wenn du das kennst, geht es hier nicht darum, etwas zu reparieren. Sondern darum, zu verstehen, was da gerade mit dir passiert.


Auf dem Papier war der Arbeitsplan nicht extrem

Unregelmäßige Arbeitszeiten sehen oft machbar aus. Ein paar Frühschichten, dann Spät, dann Nacht. Kein Ausnahmezustand.

Und trotzdem fühlt sich der Körper irgendwann leer an. Nicht schleichend, sondern plötzlich.

Die entscheidende Wahrheit ist:

Der Körper macht nicht plötzlich schlapp. Er meldet sich erst dann, wenn Funktionieren zu lange Priorität hatte.


Warum der Körper plötzlich vor Erschöpfung nicht mehr kann

Unregelmäßige Arbeitszeiten bedeuten mehr als „zu anderen Uhrzeiten arbeiten“.

Sie bedeuten:

  • ständiges Umschalten zwischen Schlaf- und Wachphasen
  • fehlende feste Erholungsfenster
  • Leben gegen den eigenen biologischen Rhythmus
  • dauerhafte Anpassung von Körper und Kopf

Der Körper kann das eine Zeit lang ausgleichen. Aber nicht unbegrenzt und nicht ohne Signale.

Diese Signale zeigen sich oft als:

  • Druck oder Leere im Kopf
  • Konzentrationsprobleme
  • schnelle Überforderung durch Reize
  • Erschöpfung bei eigentlich einfachen Aufgaben

Das ist keine Charaktersache. Das ist eine körperliche Reaktion auf dauerhafte Unregelmäßigkeit.


Warum es oft bei Kleinigkeiten kippt

Viele fragen sich:

„Warum passiert mir das beim Einkaufen – und nicht auf der Arbeit?“

Weil Arbeit häufig im Funktionsmodus abläuft. Der Körper kennt die Abläufe, der Kopf schaltet auf Durchhalten. Man tut, was getan werden muss, oft ohne groß nachzudenken.

Alltagssituationen dagegen bedeuten:

  • Entscheidungen treffen (Was brauche ich? Welche Marke?)
  • Reize verarbeiten (Licht, Geräusche, Menschen)
  • Tempo selbst bestimmen (kein fester Ablauf)
  • soziale Signale deuten (Kassenpersonal, andere Kunden)

Wenn das Nervensystem bereits am Limit ist, reicht genau das.

Im Funktionsmodus laufen wir auf Reserve. Sobald wir selbst denken, entscheiden oder flexibel reagieren müssen – merken wir, wie wenig Reserve noch da ist.


Was die Forschung dazu sagt

Dass sich der Kopf bei Schichtarbeit müde, verlangsamt oder „vernebelt“ anfühlt, ist keine Einbildung.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2022, veröffentlicht im British Medical Journal – Occupational & Environmental Medicine, untersuchte genau diesen Zusammenhang:

Ausgewertet wurden 18 Studien mit fast 19.000 Teilnehmenden.

Das Ergebnis: Menschen mit Schichtarbeit zeigen signifikante Einbußen bei

  • Konzentration
  • Reaktionsgeschwindigkeit
  • Gedächtnis

Am stärksten betroffen war die kognitive Kontrolle – also die Fähigkeit, Gedanken zu ordnen, Prioritäten zu setzen und Handlungen bewusst zu steuern.

Auch:

  • Arbeitsgedächtnis
  • visuelle Aufmerksamkeit
  • psychomotorische Wachsamkeit

waren messbar eingeschränkt.

Im Alltag fühlt sich das nicht wie ein klarer Leistungsabfall an, sondern eher so:

  • Entscheidungen werden anstrengend
  • Reize überfordern schneller
  • der Kopf wirkt voll, obwohl objektiv wenig passiert

Nicht, weil man schwach ist. Sondern weil das Gehirn dauerhaft gegen den eigenen Rhythmus arbeitet.


Der zusätzliche Druck neben der Arbeit

Viele machen sich neben der Arbeit zusätzlichen Druck.

Sie wollen:

  • vorankommen
  • Projekte umsetzen
  • „dranbleiben“

Auch dann, wenn Energie und Fokus schwanken.

Das Problem ist selten das Projekt selbst. Es ist der Zeitrahmen, den man sich dafür setzt und der Anspruch, trotz unregelmäßiger Arbeitszeiten genauso kontinuierlich voranzukommen wie jemand mit festem Rhythmus.

Viele überschätzen, was an einem einzelnen Tag möglich ist und unterschätzen, was sich über ein Jahr aufbauen lässt, wenn man den eigenen Rhythmus respektiert statt gegen ihn zu arbeiten.

Langzeitprojekte scheitern selten an mangelndem Einsatz. Sie scheitern daran, dass man sich zu früh zu viel abverlangt. Gerade dann, wenn der Körper bereits Warnsignale sendet.


Wichtige Abgrenzung

Dieser Text ist keine Anleitung, wie du noch besser funktionieren kannst. Er ist kein Aufruf zu Disziplin, Optimierung oder Durchhalten.

Er ist ein Versuch zu erklären, warum Funktionieren allein irgendwann nicht mehr reicht. Ich habe selber lange gebraucht, um diese Signale zu verstehen.


Die entscheidende Einordnung

Wenn der Körper streikt, obwohl man „eigentlich gar nicht so viel gemacht hat“, ist das kein persönliches Versagen.

Es ist ein Signal.

Nicht dafür, härter zu werden. Sondern dafür, Zusammenhänge zu verstehen, bevor man sich selbst bewertet.


Was jetzt möglich ist

Verstehen löst nicht sofort alles. Aber es verhindert, dass du weiter gegen dich arbeitest.

Wenn du merkst, dass vieles im Funktionsmodus läuft und die eigenen Grenzen unsichtbar bleiben – kann ein erster Schritt sein:

Beobachte, wann genau es kippt.

Nicht zur Optimierung. Nicht um es zu „beheben“. Sondern um sichtbar zu machen, was bisher diffus war.

Schreib es auf, wenn du magst:

  • Wann kam das Gefühl?
  • Was war davor?
  • Wie lange hat es gedauert, bis du dich wieder stabiler gefühlt hast?

Keine Analyse. Nur Wahrnehmung.

Manchmal reicht es, einen Schritt zurückzutreten und den eigenen Alltag bewusst wahrzunehmen, nicht um sofort etwas zu verändern, sondern um zu verstehen, wodurch dieser Zustand entstanden ist.

Du musst dich nicht reparieren. Du darfst erst verstehen, was mit dir passiert.

Stefan | KapitalMind

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