Es riecht nach Kaffee, der zu stark geworden ist.
Nicht, weil du ihn so magst, sondern weil du ihn brauchst.
Der Kopf fühlt sich schwer an. Nicht schmerzhaft, eher dumpf.
Gedanken brauchen länger, bis sie ankommen. Manche kommen gar nicht richtig an.
Du hast Nachtschicht hinter dir. Heiligabend. Und heute wieder.
Schlafen ist es nicht wirklich.
Du liegst. Du drehst dich. Du döst ein bisschen.
Im Hinterkopf läuft schon die Uhr: Wie viele Stunden bleiben noch, bis du wieder losmusst?
Ab zwölf, halb eins ist Familie da.
Du willst dabei sein. Du bist auch da.
Aber du merkst, dass du nicht ganz da bist.
Gespräche ziehen vorbei. Lachen kommt leicht verzögert an.
Du suchst dir einen Platz, von dem aus du alles siehst, ohne viel reden zu müssen.
Die Oma sitzt da.
Alt. Fragil. Still.
Und plötzlich ist da dieser Gedanke, ganz leise, aber klar:
Das hier ist nicht selbstverständlich. Und es kommt nicht zurück.
Du bist übermüdet. Unkonzentriert.
Dumm im Kopf, wie man es selbst nennt.
Und trotzdem gut drauf.
Weil Familie eben Familie ist.
Irgendwann schaust du auf die Uhr.
Nicht aus Ungeduld. Sondern aus Pflicht.
Du weißt, wann du gehen musst.
Du weißt, dass du gehen musst.
Nicht später. Nicht gleich noch. Jetzt.
Kein Mittagsschlaf. Keine Pause.
Kein echtes Runterfahren, bevor es wieder weitergeht.
Du verabschiedest dich früher als die anderen.
Mit einem Lächeln, das sagt: Ist schon okay.
Auch wenn es sich nicht ganz so anfühlt.
Du steigst ins Auto, während hinter dir noch Stimmen im Haus sind.
Gelächter. Geschirr. Bewegung.
Die Tür fällt leiser ins Schloss, als sie müsste.
Der Motor läuft, noch kalt.
Die Heizung braucht einen Moment.
Du auch.
Du fährst los.
Nicht hastig. Nicht langsam.
Einfach weiter.
Die Straße führt durch kleine Dörfer.
Fenster an Fenster. Haus an Haus.
Überall Licht.
Warm. Gelb. Ruhig.
Du siehst Esstische.
Gardinen, die nicht ganz zugezogen sind.
Bewegungen hinter Scheiben.
Und ohne es zu wollen, denkst du es dir zusammen:
Da sitzen sie gerade.
Familien.
Gemeinsam.
Gemütlich.
Vielleicht wird gegessen.
Vielleicht wird geredet.
Vielleicht sitzt man einfach da, ohne Uhr im Nacken.
Keiner von ihnen rechnet gerade.
Keiner schaut auf die Zeit, weil er gleich wieder funktionieren muss.
Du fährst weiter.
Blinker. Kurve. Nächstes Dorf.
Noch mehr Licht.
Noch mehr Fenster.
Noch mehr Leben, das gerade nicht deins ist.
Im Auto ist es still.
Nicht unangenehm.
Aber leerer als vorher.
Kein Drama.
Kein Neid.
Nur dieses leise Wissen:
Du bist unterwegs zur Arbeit,
während andere gerade ankommen.
Abends arbeitest du weiter.
Voll konzentriert, so gut es eben geht.
Weil Fehler hier keine Kleinigkeit sind.
Zwischen zwei und vier Uhr nachts wird alles langsamer.
Reaktionen. Aufmerksamkeit. Sicherheit.
Du kennst diesen Bereich.
Du weißt, dass hier die Fehler- und Unfallgefahr steigt.
Nicht theoretisch. Sondern spürbar.
Diese Müdigkeit ist nicht neu.
Sie ist auch nicht weg, wenn du frei hast.
Es ist eine anhaltende Tagesmüdigkeit, die bleibt.
Gedanken reißen ab. Konzentration kostet Kraft.
Der Körper ist wach, aber nicht erholt.
Mit der Zeit kommt etwas dazu.
Nicht auf einmal. Sondern schleichend.
Reizbarkeit.
Eine kürzere Zündschnur.
Nervosität ohne klaren Grund.
Manchmal auch dieses diffuse Gefühl von Angst.
Nicht panisch. Nicht laut.
Eher wie ein leiser Druck, der mitfährt.
Besonders dann, wenn du von der Familie wegfährst.
Wenn das Treffen vorbei ist.
Wenn du weißt, dass du wieder in einen Rhythmus zurückgehst,
der dir nichts zurückgibt.
Du bist nicht allein.
Aber du bist auch nicht richtig eingebunden.
Es ist eine Form von sozialer Isolation auf Zeit.
Immer wieder.
Wie ein kurzes Herausfallen aus dem Leben.
Und dann ist da noch das Geld.
150 % Zuschläge.
Am Ende des Monats siehst du sie.
Auf der Abrechnung. Auf dem Konto.
Und ja, du freust dich darüber.
Kurz. Still. Rational.
Man wägt ab.
Jedes Mal.
Lohnt sich das?
Heute? Dieses Jahr? In dieser Lebensphase?
Vielleicht hängt die Antwort vom Alter ab.
Vom Lebensstil, den man sich aufgebaut hat.
Von Verpflichtungen. Von Fixkosten. Von Verantwortung.
Vielleicht sind die Zuschläge längst kein Bonus mehr.
Sondern etwas, das das ganze System stabil hält.
Nicht Luxus. Sondern Voraussetzung.
Und trotzdem bleibt diese eine Frage, die schwer wegzuschieben ist:
Ich zerstöre mir meine Gesundheit.
Mit Schlafmangel.
Mit Erschöpfung.
Mit Daueranspannung.
Und ich weiß nicht einmal sicher,
ob sich das finanziell wirklich lohnt.
Nicht irgendwann.
Nicht später.
Jetzt.
Dieser Text gibt keine Antwort.
Er sagt nicht, was richtig oder falsch ist.
Er macht nur eines sichtbar:
Du tauschst etwas.
Jeden Feiertag.
Jede Nachtschicht.
Jeden Monat.
Dieser Text gibt keine Antwort.
Aber vielleicht ist genau das der erste Schritt:
Die Frage überhaupt zuzulassen.
Stefan | KapitalMind